Doris Humer, Physiotherapeutin mit Hörbeeinträchtigung

Auf dem Bild sehen Sie Doris Humer, Physiotherapeutin mit Horbeeinträchtigung; neben ihr ihre beiden Kollegen

Meine Qualität als Physiotherapeutin hat auch mit meiner Lebensgeschichte zu tun.



Da ich einen besonderen Draht zu Kindern habe, war mir von vornherein klar, dass ich mich auf die Pädiatrie spezialisieren möchte. Daher arbeite ich heute fast ausschließlich mit Kindern und Jugendlichen - und deren Eltern.
Es ist für mich sehr erfüllend, mit (Klein-)Kindern zu arbeiten, da diese hundertprozentig unvoreingenommen auf jeden Menschen zugehen. Es kommt ihnen auch gar nicht merkwürdig vor, dass sie etwas immer und immer wiederholen müssen, wenn ich sie nicht verstehe. Ich werde einfach so angenommen, wie ich bin.

Eine meiner Qualitäten ist sicherlich, die Eltern adäquat aufklären zu können. Ich traue mich, ihnen gegenüber ehrlich zu sein, was die Beeinträchtigung ihres Kindes betrifft. Oft ist es im Babyalter vor allem für die Eltern noch nicht ganz klar, wohin die Beeinträchtigung sich entwickeln wird - und dass diese sich nicht weg-therapieren lassen wird.
Da ich aber selbst in die Sparte "Mensch mit Beeinträchtigung" falle, und zeigen kann, dass ein Leben mit Beeinträchtigung sehr wohl lebenswert ist, habe ich hier sicherlich ein Ass im Ärmel.
Ob ich jetzt besser fühlen kann als andere Therapeuten (Theorie: "Wenn ein Sinn versagt, bildet sich ein anderer stärker aus."), das kann ich nicht beurteilen, dazu fehlen mir die Vergleichswerte. Das ist mir jetzt eigentlich auch egal - wichtig ist, dass meine kleinen Patienten sich bei mir wohlfühlen, gerne mit mir spielen und dabei nicht merken, dass sie therapiert werden. Nur so habe ich mein Ziel erreicht.

Ich liebe es auch, mit meinen beiden Therapiehunden zu arbeiten - Tiere und Kinder besitzen dieselbe Unvoreingenommenheit gegenüber beeinträchtigten Menschen.
Vor allem James (Border Collie) ist ein unglaublicher Hund. Er hat sich selbst neben seiner Therapiehunde-Arbeit als mein persönlicher Signalhund erkoren und sieht es als seine Aufgabe an, mich über alles in Kenntnis zu setzen, was passiert, indem er mich beispielsweise mit seiner Nase berührt (wenn meine drei Kinder im Obergeschoss streiten oder weinen) - oder eine bestimmte Körperhaltung zeigt (legt sich am Straßenrand nieder, wenn sich beim gemeinsamen Spaziergang ein Auto nähert). Wie er das gemacht hat, weiß ich nicht - ich empfinde es als absolute Ehre, dass er mir gegenüber so aufmerksam ist und checkt, dass ich nicht hören kann.

Wichtige Informationen für Vorgesetzte hörbeeinträchtigter Menschen

a) Beim Einstellungsgespräch fängt alles an

Der hörbeeinträchtigte Bewerber sitzt Ihnen gegenüber - achten Sie bitte unbedingt darauf, nicht mit dem Rücken zum Fenster zu sitzen - da es bei Gegenlicht auf Dauer für Ihren lippenlesenden Bewerber zu anstrengend wird.

Umgebungsgeräusche sollten so gut wie möglich ausgeschaltet werden, Hörbeeinträchtigung bedeutet nicht nur, dass das Sprachverständnis über das Gehör schlechter (oder nicht vorhanden) ist, sondern oft auch, dass Nebengeräusche (Fax, Drucker, Telefonklingeln, Sprechgeräusche im Hintergrund…) schlechter ausgeblendet werden können - manchmal werden auch bestimmte Frequenzen störender empfunden als andere (bei mir sind es beispielsweise die höheren Töne). Wundern Sie sich daher nicht, wenn der Bewerber Sie bei Nebengeräuschen schlechter verstehen kann, auch wenn diese für Sie noch so dezent und unscheinbar sind.

Auch gilt es, nur bei Blickkontakt zu sprechen - zeigen Sie auf Unterlagen oder notiert sich der Bewerber Informationen, warten Sie bitte, bis er Sie wieder ansieht, bevor Sie weitersprechen - das sollte zur Selbstverständlichkeit werden, falls Sie erfolgreich mit einem hörbeeinträchtigten Menschen zusammenarbeiten möchten.

Eine kleine, wichtige Insider-Information noch - bei Nervosität fällt das Lippenlesen schwerer. Nehmen Sie sich mehr als genug Zeit für das Gespräch, damit der Bewerber die Chance hat, sich entspannen zu können. Fragen Sie aktiv nach, ob der Bewerber Sie verstanden hat. Manche neigen allerdings dazu, diese Frage ständig zu bejahen, um die Einstellungschancen nicht zu vermindern. Fingerspitzengefühl ist hier angesagt. Verwickeln Sie die Person daher am besten in ein aktives Gespräch.

Scheuen Sie sich nicht davor, nachzufragen, wenn Sie den Akzent des Bewerbers nicht verstehen - oder etwas aufzuschreiben, wenn er Sie nicht versteht. Sollte letzteres der Fall sein, heißt dies nicht, dass der Bewerber Sie niemals verstehen können wird, ganz im Gegenteil, das Lippenlesen ist eine hohe Kunst und erfordert bei jedem neuen Mundbild eine Höchstleistung, um das Gesagte verstehen zu können. Das gelingt nicht immer auf Anhieb.

Manche Menschen neigen dazu, lauter zu sprechen, den Mund unnatürlich weit aufzureißen, und/oder übertrieben deutliche Zungenbewegungen zu machen. So fällt das Lippenlesen nicht leichter, ganz im Gegenteil, das erschwert die Sache sogar noch. Versuchen Sie also, deutlich, aber möglichst natürlich, nicht zu schnell (aber auch nicht extra langsam) und in natürlichem Tonfall zu sprechen. Fragen Sie den Bewerber, ob er Sie besser versteht, wenn Sie in (gepflegter!!!) Mundart sprechen - oder ob er die Schriftsprache bevorzugt - ist Ihnen diese Frage unangenehm, hören Sie einfach hin, wie Ihr Bewerber spricht (Schriftsprache oder Mundart?), und passen Sie sich den Gegebenheiten an.
Sollten Sie sich nicht sicher sein, ob die Kommunikation funktionieren wird, bitten Sie den Bewerber zu einem zweiten Gespräch.


b) Sie haben sich für den Bewerber entschieden, er wurde angestellt

Sprechen Sie bitte im Vorfeld mit allen weiteren Angestellten, klären Sie sie über die besondere Situation auf, Schwierigkeiten entstehen aus Unsicherheiten im Umgang heraus.

Planen Sie für den ersten Tag eine Teamsitzung. Bei dieser Besprechung sollte der neue, hörbeeinträchtigte Mitarbeiter die Gelegenheit bekommen, selbst zu erklären, was er braucht, um erfolgreich arbeiten zu können. Sollte er nicht das Selbstbewusstsein besitzen, von sich aus zu "fordern", was für ihn wichtig ist, fordern Sie Ihre Mitarbeiter auf, ihm Fragen zu stellen - und/oder stellen Sie ihm selbst Fragen.

Ich persönlich habe Schwierigkeiten dabei, mir Namen zu merken, da ich im Vorbeigehen die jeweiligen Namen nicht hundert- und tausendfach höre. Nehmen Sie auch darauf Rücksicht und seien Sie nicht erstaunt, dass Ihr Mitarbeiter nach einem Jahr noch immer verwirrt drein guckt, wenn er einen genannten Namen nicht sofort zuordnen kann. Irgendwann wird es nämlich peinlich sein, einen Kollegen nach dem Namen zu fragen, mit dem man schon Monate zusammenarbeitet.

Sollte Ihr Mitarbeiter einen Platz am Schreibtisch haben, platzieren Sie ihn so, dass er von einer Ecke aus den Überblick über das ganze Büro hat. Sitzt er mit dem Gesicht zur Wand, kann es manchmal sehr unangenehm sein, da er herankommende Kollegen oft nicht rechtzeitig bemerkt und erschrickt.

Sollten Sie bemerken, dass ein Kollege mit dem hörbeeinträchtigten Mitarbeiter sehr unnatürlich spricht, bitten Sie diesen zum Gespräch und machen sie ihn freundlich darauf aufmerksam, wie er es besser machen könnte. Manche neigen dazu, mit hörbeeinträchtigten Menschen in stark vereinfachten Sätzen zu sprechen, um besser verstanden zu werden. Ich empfinde dies aber als Beleidigung meines Intellektes, wenn mich jemand beispielsweise auffordert: "Du bringen Brief zu Post!". Trotz meiner grammatikalisch einwandfreien Antworten sind diese kurz-sätzigen Leute leider nicht zu bekehren. Da sollte der Chef oder ein motivierter Kollege Partei ergreifen.

Bei Teambesprechungen ist es bei mir so, dass ich bei größeren Sitzungen nicht jedes Mal unterbrechen will, wenn ich etwas nicht verstehe, einfach aus dem Grund heraus, um diese nicht in die Länge und damit den Unmut meiner Kollegen auf mich zu ziehen. Vielleicht ist ein Kollege, der einen besonderen Draht zu Ihrem hörbeeinträchtigten Mitarbeiter hat, bereit, sich neben ihn zu setzen, um ihm im Zweifelsfall kurz und lautlos die Sachlage erneut erklären zu können.
Selbstverständlich sollte sein, dass der jeweilige Sprecher erst zu sprechen beginnt, wenn der hörbeeinträchtigte Mitarbeiter diesen ansieht (vielleicht per Handzeichen melden). Bis ich ohne optische Hilfe weiß, wer spricht, sind mir bei solchen Sitzungen meist schon die ersten drei Sätze entgangen. Sehr hilfreich ist es auch, ein Gesprächsprotokoll an die Mitarbeiter auszugeben.

Es ist nicht notwendig einen lippenlesenden Menschen immer direkt anzusehen. Von der Seite kann man genauso gut ablesen. Schwierig wird es bei schlechten Lichtverhältnissen - wie zB. Gegenlicht, dämmriges Licht etc. - oder für den hörbeeinträchtigten Mitarbeiter störenden Nebengeräuschen.

Fragen Sie bei entspannten Einzelgesprächen direkt nach seinen Problemen. Es ist für einen Angestellten oft schwierig, von sich aus zum Chef zu gehen - bei mir war in solchen Situationen immer im Hinterkopf, dass ich nicht negativ auffallen und meinen Job behalten möchte.

Was mir persönlich auch sehr unangenehm ist, wenn man besonders viel Rücksicht auf mich nimmt. Haben Sie bitte meine Tipps im Hinterkopf, aber heben Sie Ihren Mitarbeiter nicht allzu sehr hervor, außer, er vollbringt eine tolle Leistung, welche nichts mit seiner Hörbeeinträchtigung zu tun hat. Das ruft möglicherweise Neider hervor - und Ihr Mitarbeiter wird es schwer haben, Anschluss bei seinen Kollegen zu finden.

Der Umgang mit beeinträchtigten Menschen ist eine Gratwanderung - auf der einen Seite sind Sie natürlich motiviert, es ihnen so leicht wie möglich zu machen - auf der anderen Seite sollten diese sich schon alleine durchschlagen, um Selbstbewusstsein entwickeln zu können. Ich bin mir ganz sicher, dass Sie die goldene Mitte finden werden.


Mehr über mich und meine Physiotherapiepraxis unter: www.physiotherapie-humer.at